Planungsdebakel Elektrifizierung Lindau-München: Politiker fassen Bahn nur mit Samthandschuhen an

Nachdem die Presse offensichtlich Presseerklärungen und Leserbriefe nur sehr ausgewählt veröffentlichen – vielleicht hat sie ja Angst, dass dann wichtige Werbeaufträge der kritisierten Parteien ausbleiben – greifen wir auf Railblog zurück um so die Pressefreiheit zu gewährleisten.

Dr. Ralf Wiedenmann
Präsident Interessensgemeinschaft Tösstallinie
Müliwiesstr. 77
CH-8487 Zell, den 2. Juli 2013

Planungsdebakel Elektrifizierung Lindau-München: Politiker fassen Bahn nur mit Samthandschuhen an

Anfang Juni verfasste ich einen Brief an Bahnchef Dr. Rüdiger Grube, den Bahnstatthalter für Bayern Klaus-Dieter Josel und Bundesverkehrsminister Dr. Peter Ramsauer. In diesem Brief konfrontierte ich diese drei Herren mit den seit 2008 publizierten Verlautbarungen betreffend Baubeginn und Inbetriebnahme der Ausbaustrecke Lindau-München (Allgäubahn). Diesen Brief sendete ich auch an allen Landtagsabgeordnete des Wahlkreises Schwaben, die zuständigen Bundestagsabgeordnete und eine Reihe von Landräten und Bürgermeister mit der Hoffnung auf Unterstützung. Insbesondere verlangte ich Antworten auf die folgenden Fragen:

  1. Wenn die Deutsche Bahn im April 2009 einen Baubeginn in einem Jahr (2010) und eine Inbetriebnahme in sechs Jahren (2015) in Aussicht gestellt hat, wie kann es sein, dass man heute bis zum Baubeginn mindestens vier Jahre und bis zur Inbetriebnahme sieben Jahre benötigt? Was haben denn die Planer bei der Bahn zwischen 2009 und 2013 gemacht?
  2. Bei der Elektrifizierung der Bahnstrecke Lindau-Friedrichshafen-Ulm (Südbahn) wurden im Juni die Planfeststellungsunterlagen für die gesamte Strecke beim Eisenbahnbundesamt eingereicht. Warum kommt die Planung bei der Südbahn im Schnellzugtempo voran, während bei der Allgäubahn noch nicht einmal die Planfeststellungsunterlagen erstellt wurden? Und dies obwohl für Lindau-München bereits 2009 die Finanzierung durch die Schweiz und Bayern zugesagt wurde, während sich bei der Südbahn Baden-Württemberg erst 2012 zu einer Mitfinanzierung entschied. Im Investitionsrahmenplans für die Verkehrsinfrastruktur des Bundes wurde die Allgäubahn eine zwei Stufen höhere Priorität als der Südbahn eingeräumt. Ich werde einfach den Verdacht nicht los, dass die Bahn zwischen 2008 und 2012 bei der Strecke München-Lindau geschlampt hat.
  3. Haben Sie und andere Bahnmanager uns etwa in der Vergangenheit völlig unrealistische Terminpläne genannt?

Seit 26. Juni liegt mir eine Email-„Antwort“ vor. Keine einzige der von mir gestellten Fragen wurde von Herrn Josel beantwortet, stattdessen wird mir versichert, „… dass das Projekt mit hoher Sorgfalt und Ernsthaftigkeit verfolgt und umgesetzt wird.“ So wie in den letzten fünf Jahren auch, in denen ja offensichtlich nichts geschah? Ich sendet diesen Email-Verkehr an rund 60 Politiker (MdL, MdB, Bürgermeister, Landräte) mit der Aufforderung, bei Bundesverkehrsminister Dr. Peter Ramsauer nachzuhaken. Auch auf dieses Email bekam ich – abgesehen von der Grünen Landtagsabgeordneten Christine Kamm aus Augsburg und der SPD-Landtagsabgeordneten Simone Strohmayr, die mir versicherte, sie hätte eine Akte angelegt – von keinem der angeschriebenen Politikern eine Antwort.

Wenn die Bahn (und das sie kontrollierende Bundesverkehrsministerium) von den Politikern sowohl der Regierungs- als auch der Oppositionsparteien nur mit Samthandschuhen angefasst wird, müssen wir uns dann wundern, wenn es bei praktisch allen Bahnprojekten zu jahrelangen Verzögerungen und ständigen Kostensteigerungen kommt? Wo bleiben die deutschen Volksvertreter, die der Bahn auf die Finger klopfen?  Statt markige Sprüche zu machen (siehe Mitglieder der Bayerischen Staatsregierung in Fernsehbeitrag vom 25.02.2010, und Freie Wähler und CSU in Radiobeitrag von 2.2.2013), müssen die Verantwortlichen bei Bahn und Bundesverkehrsministerium zu Red und Antwort gezwungen werden. 

 

1 Kommentar zu „Planungsdebakel Elektrifizierung Lindau-München: Politiker fassen Bahn nur mit Samthandschuhen an“

  • Eduard J. Belser:

    Die Schweiz ist von diesem Elektrifizierungs-Debakel der „Deutschen Wir-bringen-garnix-auf-die-Reihe-Bahn” auch betroffen, finanziert sie doch das Vorhaben mit 75 Mio. CHF (ca. 60 Mio. EUR) vor. Eigentlich sollten wir Schweizer uns diese ständigen Verzögerungen durch die DB nicht mehr bieten lassen und den Herrschaften in der Teppichetage der DB so auf die Füsse treten, dass es wirklich weh tut. Das ganze ist eine Posse getragen von Arroganz, Unfähigkeit, Unehrlichkeit und Schlamperei der mit Spitzengehältern vergoldeten „Mana-Nager“ der DB.
    In Weil am Rhein hat es die DB nicht einmal geschaft, ein paar Signale und Fahrleitungsmaste rechtzeitig um ein paar Meter zu versetzen, damit die Trambrücke für die Verlängerung der Basler Linie 8 gebaut werden kann. Auf Schweizer Seite sind die Arbeiten fast abgeschlossen, sogar die Fahrleitung bis zum Zoll in Friedlingen ist montiert. Diese Schweizer Investitionen liegen jetzt vorläufig brach. Die vor allem von der Unfähigkeit der DB verursachte Verzögerung beträgt bereits ein Jahr.
    Von den ständigen Verspätungen der Züge schon gar nicht geredet. Eigentlich dürfte dieser Saftladen gar keine Fahrscheine verkaufen, sondern nur noch „Teilnahmescheine an der DB-Verspätungslotterie“.

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