Bewirkte Fehler bei Stuttgart 21 Stresstest-Software Kapazitätssteigerungen?

Wie stark sich betriebliche-technische „Details“ auf die Leistungsfähigkeit von Bahnknoten, Bahnstrecken und sogar milliardenschwere Entscheidungen auswirken können, zeigt der aktuelle Fall aus Stuttgart:

Die professionelle Software „RailSys“, die für zahlreiche Simulationen der DB deutschlandweit eingesetzt wird — so auch 2011 für den Stresstest von Stuttgart21 –, enthält einen Fehler, der offensichtlich die Entscheidung pro Stuttgart21 massiv in Zweifel zieht.

„Software-Fehler“ im Stresstest-Simulationsprogramm:
Stuttgart 21-Leistungsnachweis endgültig gescheitert

„Der Modellierungsfehler in der Stresstest-Software »RailSys« überhöht die Kapazität von S21
deutlich, geschätzt um zwei bis drei Züge. Nur rund 46 Züge sind so erreichbar.“ So Heiko Frischmann
von WikiReal in der Pressekonferenz des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21. Der Student aus
Hochheim hatte bei der Überprüfung der Stresstest-Simulation aufgedeckt, dass verspätete Züge erst
bei der Ausfahrt die Gleise für andere Züge blockieren. Die Ausfahrt-Signale werden nicht wie in der
Realität zur planmäßigen Abfahrt geschaltet, die Folgetrasse bleibt frei (siehe Anhang 1). „So als hätte
man im voraus gewusst, dass der Zug sich verspätet und auch genau wie lange die Verspätung
andauert,“ erläutert Frischmann. In dem eng belegten Bahnhof Stuttgart 21 hat der Fehler eine
erhebliche Wirkung auf die Leistungsfähigkeit. Frischmann schätzt, dass bei realistischer Simulation
die Kapazität bei gleicher Betriebsqualität um rund 5 % niedriger ausfiele. „Der Leistungsnachweis von
Stuttgart 21 ist damit hinfällig,“ schließt Frischmann, „der Fehler muss korrigiert, die Simulation unter
durchgehend realistischen Parametern wiederholt werden. Die 49 Züge pro Stunde erscheinen aber in
der Realität nicht erreichbar.“
Der Fehler ist zweifelsfrei bewiesen, der Hersteller RMCon bestätigte die „Modellunschärfe“, durch die
die „Leistungsfähigkeit prinzipiell positiv beeinflusst“ werde, auch bereits gegenüber dem Verkehrsministerium
in Baden-Württemberg.
„Der »Software-Fehler« ist der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt,“ ergänzt Dr. Christoph
Engelhardt, Gründer des Faktencheck-Portals WikiReal.org. Engelhardt argumentiert, dass sämtliche
bisher schon kritisierten Fehler und Richtlinienverstöße im Stresstest bis heute nicht nachvollziehbar
entkräftet worden sind, weder von der Bahn, der SMA, der Bundesregierung oder vom Eisenbahn-
Bundesamt (siehe Anhang 2). „Eine unabhängige Begutachtung der WikiReal-Kritik ist überfällig,“ so
Engelhardt. Seiner Abschätzung nach ist die Leistungsfähigkeit von Stuttgart 21 erheblich nach unten
zu korrigieren, auf rund 32 Züge pro Stunde. Damit ist Stuttgart 21 ein genehmigungspflichtiger
Rückbau der Bahninfrastruktur. „Die Planrechtfertigung ist entfallen,“ schließt Engelhardt, denn das
Projekt war wesentlich mit seinen „betrieblichen und verkehrlichen“ Vorteilen begründet worden (siehe
auch die WikiReal-Pressemitteilung vom 02.02.2012). Weder der Bahn noch der SMA gelang die
nachvollziehbare Entkräftung der WikiReal-Kritik, die in großer Detailtiefe dokumentiert ist. „Falls wir
uns irren, hätte die Bahn das schon längst klarstellen können. Statt in ihrem eigenen Interesse die
Kritikpunkte abzuräumen, verweigert sich die Bahn einer Diskussion im Detail.“
Ein schon vom zuständigen Fachministerium für Verkehr befürwortetes unabhängiges Gutachten zur
WikiReal-Kritik wurde unverständlicher Weise bisher nicht beauftragt. Engelhardt kann darin kein
verantwortliches Handeln erkennen. „Die Qualität der Argumentationen und die Inkonsequenz im
Vorgehen der Politik ist unverantwortlich angesichts der Milliardenkosten von Stuttgart 21 und dem zu
erwartenden Schaden für den Verkehr in Baden-Württemberg. Darüber hinaus gefährdet dieses
Vorgehen auch das Ansehen demokratischer Entscheidungsprozesse in Deutschland,“ so Engelhardt
abschließend.

Kommentieren

Sie müssen angemeldet sein, um kommentieren zu können.

Social Media:
Finde uns auf Twitter

unsere Facebookseite

unsere Youtube-Videosammlung
Achiv: