Auswirkung von Elektrifizierung und 2. Stammstrecke für S4-Pendler: Bahnpressesprecher verkauft Verschlechterungen als Verbesserungen

Der im Merkur-Artikel vom 31.5.2016 „Verkehr auf S4-Strecke nimmt zu: Elektrifizierung und was dann?“ zitierte Sprecher der Deutschen Bahn beschönigt die Auswirkungen der Elektrifizierung Lindau-München und dem Bau der 2. Stammstrecke auf die Pendler der S4. Der gute Mann behauptet, Ziel der Elektrifizierung sei die Reisezeit zwischen München und Zürich zu verkürzen, ob mehr die S-Bahn behindernden Schnellzüge verkehren würden, sei keinesfalls ausgemacht. Es ist jedoch ein klares Ziel der Elektrifizierung, das Schnellzugangebot zwischen München und Zürich zu verdoppeln.

Die Beschwichtigung des Bahnsprechers, dass die tatsächliche Anzahl der Schnellzüge von den Bestellungen abhängt, ist natürlich falsch. Nur der Nahverkehr wird „bestellt“, der Fernverkehr wird eigenwirtschaftlich von den Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) bzw. der Deutschen Bahn (DB) betrieben. Sowohl das 2006 veröffentlichte Nutzen-Kosten-Gutachten, welches Grundlage für die Aufnahme der Elektrifizierung Lindau-München in den Bundesverkehrswegeplan ist, als auch die Schweizer Regierung rechnen mit einer Verdopplung des Fernverkehrsangebots von heute vier (und nicht drei) Fahrten pro Tag und Richtung auf acht Fahrten. Diese zusätzlichen und mit elektrischen Antrieb schneller verkehrenden Züge werden den S-Bahnverkehr noch stärker behindern als heute schon, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

Auch die Behauptung, dass sich die Situation auf der S4 mit der 2. Stammstrecke dramatisch verbessern würde, ist Humbug. In der Stunde zwischen sieben Uhr und acht Uhr, wenn am meisten Pendler unterwegs sind, wird sich die Situation sogar verschlechtern. Statt heute sechs Zügen pro Stunde (drei S4 durch die Stammstrecke, drei S4-Verstärkerzüge ab Pasing ohne Halt zum Hauptbahnhof bzw. über die Sendlinger Stammstrecke) sollen künftig nur noch vier S4-Züge über die Stammstrecke und ein S4/S20-Verstärker verkehren. Statt bisher 15 ET423 werden in der Stunde mit am meisten Fahrgästen nur noch 14 ET423 unterwegs sein. Ich empfehle den Bahnsprecher, das erst kürzlich auf der Homepage zur 2. Stammstrecke veröffentlichte ausführliche Nutzen-Kosten-Gutachten genau zu studieren. Das Steh- und Sitzplatzangebot ab Buchenau in der Spitzenstunde fällt von heute 8100 auf noch 7560.Mit einer Stunden-Auslastung der Sitz- und Stehplätze (4 Personen pro Quadratmeter) von 75% wird der Abschnitt Leienfelsstrasse-Pasing auch nach der Eröffnung der 2. Stammstrecke den eindeutigen Spitzenplatz der am meisten überfüllten Züge einnehmen.

Am Schluss des Artikels werden das geplante Überwerfungsbauwerk westlich von Pasing und der dreigleisige Ausbau Pasing-Eichenau erwähnt, welche die Situation für die S4-Pendler entschärfen sollte. Im Gegensatz zu den zusätzlichen Fernverkehrszügen nach Zürich, welche die Bahn als Zukunftsmusik abtun, stehen jedoch diese Ausbaumassnahmen noch in den Sternen. Wie wir erst kürzlich erfahren mussten, befinden sich die Planungen der Deutschen Bahn immer noch im frühen Stadium der Vorplanung (Merkur, 19.4.2016, „S4 wieder mal ein bisschen später“). Erst danach folgen Entwurfsplanung und Genehmigungsplanung und erst anschliessend kann mit dem Baumassnahmen begonnen werden. Der eigentliche Skandal ist, dass die Staatsregierung bereits 2006 der Bahn einen Planungskostenzuschuss von 12,3 Millionen Euro zugesprochen hat, die Bahn jedoch nicht vorwärts macht. Bereits Herrmanns Vorgänger Martin Zeil berichtete 2012, dass die Bahn die Vorplanung abgeschlossen hätte. In diesem Stadium befinden wird uns mehr als vier Jahre später immer noch, und dies obwohl Joachim Herrmann vor zwei Jahren die Erwartung ausdrückte, dass die Bahn „…rasch einen Zeitplan für den Streckenausbau vorlegt und die Planungen vorantreibt“. Hier sollten Presse Volksvertreter bei Bahn und Staatsregierung nachhaken und fragen, was die Bahn während der letzten vier Jahre eigentlich gemacht hat und ob denn die Staatsregierung überhaupt keine Handhabe hat, auf eine Beschleunigung der Planung durch die Bahn hinzuwirken. Wo bleibt das Prinzip, wer zahlt schafft an?

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