Bahnchaos nach dem Sturm: Demut vor Mutter Natur oder Manager und Politiker- Gier?

Immer noch fahren rund um München S- Bahnen nicht. Züge nach Rosenheim fielen fast drei Tage aus, der Schienenersatzverkehr lief schleppend. Dabei ist Ferienzeit. Es verkehren keine Schulbusse. Die S-Bahn München verweist auf andere Verkehrsträger, deren Bus- Ersatz- Verkehr dadurch kollabiert. Zwischen München und Rosenheim bot zwar der Meridian Ersatzbusse an, nicht aber die Bahn! Folge: Der SEV war überlastet und musste eingestellt werden. Laut Medien.

Überall erzählen die Menschen von ihren Horror-Erlebnissen am Dienstag und Mittwoch in der ersten Osterferienwoche des Jahres 2015. Für manche geht der Horror über die Osterfeiertage weiter. Einige fuhren hunderte Kilometer um Frauen, Väter und Verwandte aus München abzuholen.

Am Dienstag, so schilderten Pendler, deckten sich die Menschen in den Geschäften rund um den Münchner Hauptbahnhof mit Kleidung und Bad- Utensilien ein. Niemandem machte es Spaß, zwangsweise eine Nacht in der Landeshauptstadt zu verbringen. Väter waren froh über die Bleibe in der Studentenbude der Tochter. Andere nahmen für 100 oder 200 Euro ein Hotel. Sie alle wussten: Es wird nur minimale Entschädigungen geben und: Für die Bahn kam dieser Sturm, kommt eigentlich jeder Sturm, genauso überraschend wie der jährliche Wintereinbruch!

Dabei kennen viele Kunden noch Zeiten, in denen die Bahn vorsorgte: Da gab es sogenannte „Streckengeher“, die den Zustand der Gleise und Bäume neben den Gleisen begutachteten. Sie liefen jeden Tag eine Bahnlinie entlang und kontrollierten. Seit der Privatisierung der Bahn, läuft das anders. Zwar werden manche Abschnitte immer wieder abgeholzt, aber dass Bäume nachwachsen, tangiert Manager und Zahlendreher nicht. Sie werden erst tätig, wenn der nächste Sturm Chaos anrichtet, das dann beseitigt werden muss.

Tage danach reden und schreiben Bahn und Medien die Vorfälle klein. Am dritten Tag nach so einem Ereignis soll die Mehrheit der Bürger ruhig gestellt werden. Denn es ist mehr als unglücklich für ein Unternehmen als global player, wenn drei Tage benötigt werden, den Ballungsraum München wieder flott zu bekommen.

Gerade München: Motor der bayerischen, ja der deutschen Wirtschaft! Das pulsierende Herz Europas, wird von einem Sturm dermaßen von der Außenwelt abgeschnitten, dass sich die Reisezeit ins Umland verlängert, als fänden sich die Fahrgäste im Zeitalter von Pferde- Gespannen wieder. Wenn der Schienenersatzverkehr mit Bussen floppt, fragen sich Betrachter: Ist die Bahn nicht Inhaber zahlreicher Busse? Einerseits wollen die Herren Manager ins große Business weltweit, Fernbusse organisieren und andererseits mangelt es alleine an der Organisation. Krisensituationen gibt es in deren Augen nie, folglich muss sich niemand darauf vorbereiten.

Gut vorbereitet ist die Bahn einzig und alleine, wenn es um die „Vogel Strauß Taktik“ geht. Kopf in den Sand stecken. Fehlerhafte Verbindungsanzeigen im Internet, mangelnder Informationsfluss, überlastete Server. Nichts ist geklärt für den Ernstfall: Dürfen Inhaber von DB- Zeitkarten kostenlos die U- Bahn nutzen oder müssen sie dafür noch zahlen? Wie verhält es sich mit Fahrten über Ausweichrouten? Gelten dort die Fahrkarten? Kann man andere Bahn- Unternehmen nutzen? Oder muss sich der Kunde mit dem kontrollwütigen Personal auseinandersetzen und wird hinterher mit Standard- Schreiben abgespeist? (Diese Frage stellt sich DB Kunden bei allen S- Bahn- Stammstrecken Sperrungen! Ist im Notfall die DB- Fahrkarte bei der MVG gültig?)

Dagegen kümmert sich die Bahn um Presse- Termine, wenn Reparaturwägen Schäden beseitigen. Show- Darsteller auf dem Rücken der Kundschaft.

Im Großraum München passieren derlei Ereignisse alle paar Jahre. Das weiß jeder, der mehr als zehn Jahre öffentliche Verkehrsmittel nutzt. Zwischen solchen Sturm- Chaos- Tagen labern Bahn und Politiker von teuren Tunneln, einem neuen Hauptbahnhof und Jahrhundertprojekten. Sie reden nun schon so lange, dass das Dach des Münchner Hauptbahnhofes einem derartigen „Sturm“ nicht mehr gewachsen war. Lapidare Ansage per E- Mail der Bahn: Suchen Sie sich in München ein Quartier.

Von der Politik kam zu dem ganzen Chaos kein Wort. Die schwadronieren lieber vom „fünf Sterne Land“ und sehen zu, wie im „Paradies Bayern“ die Infrastruktur Jahr für Jahr anfälliger wird. Im wahrsten Sinne des Wortes „kaputt“ gespart wird. So ganz nebenbei sind dafür in Berlin seit mehreren Jahren „Bundesverkehrsminister“ aus Bayern verantwortlich…

Wetterexperten sehen Niklas übrigens als „Sturm“ an, nicht als „Orkan“. Die Schäden wären geringer gewesen, als nach „Kyrill“, heißt es. http://www.sueddeutsche.de/panorama/staerke-von-winterstuermen-niklas-vs-kyrill-1.2419494?reduced=true In Zeitungsartikeln über die Bahn liest man dagegen immer noch das Wort „Orkan“.

Gutmenschen dieser Republik setzen all der Tatenlosigkeit von Bahn und Politik noch die Krone auf: Die Natur sei unberechenbar. Demut wäre angesagt. Von kaputt gesparten Gleisen und einer abgewirtschafteten Infrastruktur seit der Wende, Millionen- Investitionen der Bahn im Ausland, während in Deutschland zu wenig investiert wurde, will der „wir sind die Besten“- Gläubige nichts wissen. Wer das am Dienstag erleben musste, weiß ein Lied davon zu singen und kann es in einigen Jahren wiederholen.

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