S Bahn Chaos: Was sich Pendler alles gefallen lassen

Klirrend kalt war es, beim heutigen S- Bahn- Chaos, als ein Kollege nach dem anderen mit roten Backen und einer gehörigen Portion Wut im Gesicht im Büro eintraf. „Heute könnte ich auch etwas schreiben“, schimpft einer, „was die S- Bahn da abgeliefert hat, Wahnsinn.“ „Man steht und friert und die bringen nicht einmal die Durchsagen auf die Reihe“.

„Du bloggst doch zu dem Thema“ – „wo kann man sich bei der Bahn hinwenden, wenn die meinen, so ein Tag wie heute wäre schnell vergessen?“

„Ja ich blogge- aber mit der Bloggerei macht man sich keine Freunde…“ Bayerns Bahnchef Klaus- Dieter Josel zum Beispiel, der tötet einen ständig, mit seinen Blicken. Der oberste Hüter der Eisenbahn in Bayern will so gar nicht verstehen, warum da Kunden Verspätungsmeldungen systematisch sammeln, der Schönrederei – Propaganda schon seit Jahren keinen Glauben mehr schenken, Bahn- Manager und Politik da angreifen, wo es weh tut.

Natürlich könnte man seinem Ärger nach einem Tag wie heute Luft machen. Was waren das noch für Zeiten, als 5.000 Postkarten der Münchner Boulevard- Zeitung „tz“ nach Berlin gingen, als die Eisenbahner bei der S- Bahn reihenweise nur Mist ablieferten. Doch das ist Jahre her. Kollegen die damals bei der Aktion mit machten- liegen heute am Ostfriedhof.

Bahnchef Grube kann man kontaktieren, der rühmt sich damit, E- Mails und Schreiben persönlich beantworten zu lassen. Gut, dann scheppert plötzlich mal das Handy und eine nette Dame aus Berlin versucht Tage später, nachdem der Ärger verflogen ist, sich zu erkundigen, ob es wirklich so schlimm war und das öfter vorkomme. Die sind dann soooo nett, dass man jeden Ärger vergessen hat. Wer fachlich Fragen stellt, die lässt Bahnchef Grube über seinen bayerischen Bahn- Fürsten, Klaus- Dieter Josel beantworten.. Der verkündet dann wie immer die geschönten Zahlen. Die S- Bahn ist besser als ihr Ruf und ihr eigener Erfolg wird ihr zum Verhängnis.

Als man gerade all das den Kollegen erklärt, machen die einen Rückzieher. Mit solchen Leuten wollen sie dann doch nichts zu tun haben. So glatte Typen, an denen jegliche Kritik abprallt. Die ein Fell zu haben scheinen, das man als Pendler mit der Bahn oder S- Bahn gerade an so einem Morgen am Bahnsteig frierend vermisst. In einem muss man aber der Kollegin Recht geben „die haben über Jahre systematisch die Infrastruktur kaputt gespart“. Ja. Noch schlimmer wiegt aber, dass nichts investiert wurde. Man rühmt sich über den Zulauf im Großraum München und noch immer fehlt ein Bypass, sollte der seidene Faden reißen. Und der- reißt in letzter Zeit oft.

Das liegt allerdings nicht an den Kritikern oder Wutbürgern- sondern an der Bahn und Politik selbst. Die Bahn streicht die Gewinne in Bayern ein und finanziert damit „Stuttgart 28“ und all die anderen wichtigen Baustellen. Die bayerischen Politiker – egal welcher Farbe- sitzen in Berlin überall mit am Tisch und können trotzdem kein Geld für München locker machen.

CSU- Bundesverkehrsminister Dobrindt ist mehr mit neuen Autos beschäftigt, die selber fahren können oder der Maut oder sonstigen elementaren Themen, wen kümmern da 800.000 Pendler der Münchner S- Bahn? König Horst Seehofer baut lieber an der eigenen Eisenbahn im Hobby- Keller, als in Berlin etwas zu bewegen. Ganz wie König Ludwig. Der bei den Preussen auch klein beigeben musste.

Straßen werden durch die Landstriche geplant- während in München selbst die Planungen von Bahnhöfen, Bahnsteigen oder kurzen Überholgleisen alle erst sinnvoll sein sollen, wenn der 2. Tunnel gebaut ist. Hinterher heißt es immer wieder und das seit mehr als zehn Jahren. Bahn Projekte im neuen Bundesverkehrswegeplan in Bayern? Stillschweigen.

Am Ende dieser Kette von Versehen, Unvermögen und damit selbst gezüchteten Wutbürgern als Bahnkunden stehen übrigens wir als Wähler. Wir alle. Keine der großen Volksparteien hat in den fast zwei Jahrzehnten seit der Bahnreform (Privatisierung) in den 90er Jahren jemals überlegt, was am System Bahn falsch läuft und was geändert werden müsste.

Während derlei Gedanken nieder geschrieben werden, im Zug, hat der gerade Verspätung. 10 Minuten. Zwei entgegenkommende Güterzüge waren der Bahn wichtiger, brachten bares Geld als Einnahme. Wen interessieren da die armseligen Gestalten im Pendlerzug auf dem Rückweg von München? Rein zufällig passiert das hier öfter und rein zufällig verkehrt auf genau dieser Strecke Bayerns oberster Bahnchef. Er wohnt in der Gegend und weiß von seinen Kollegen vor Ort in der Provinz, wie man Kunden über 30 Jahre bei der Stange hält und denen erzählt, man wäre besser als der Ruf.

Darüber zu reden ist genauso sinnlos wie auf Verbesserungen zu hoffen. Die kochende Wut über die S- Bahn und Regionalverkehr in Bayern schwindet bei der Kundschaft sehr schnell. Oder der Winter kühlt sie. Der gehört seit Jahren zu den vier Feinden der Eisenbahntöchter des großen deutschen Staatskonzerns vom Potsdamer Platz in Berlin. Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Das nächste Chaos ist so sicher, wie das Amen in der Kirche.

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